Dreirad

Mein erstes Vehikel zur (aktiven) Fortbewegung auf Rädern erhielt ich nicht lange, nachdem ich gelernt hatte, mich immerhin zunächst auf zwei Beinen fortzubewegen: Meine Neigung zum Zweiradfahren begann mit einem Dreirad.

Die beiden Aspekte bzw. Dispositionen sollten in meinem Leben noch eine bedeutende Rolle spielen – auch oft in Taten und Gedanken miteinander kombiniert und zumindest, was mein Freiheitsbedürfnis betrifft, über einem durchschnittlichen Maß. Das läßt sich, glaube ich, als ein Teil des Handwerkszeuges interpretieren, das man braucht, um zum Beispiel ausgerechnet freischaffender Künstler – in meinem Fall: Musiker zu werden.

Ich bekam das Dreirad zu meinem zweiten oder dritten Geburtstag.

Auf dem Dreirad mit etwa 3 Jahren, im Innenhof des Hauses Peterstraße 12 in Goslar, ca. 1960.

Es war rot lackiert und die stilisierten Radspeichen gelb mit blauen Radkappen. Es hatte eine Klingel, die ich selbstverständlich auch oft erklinge(l)n ließ. Die kleine Lehne hinter mir bestand aus einem einfachen Holzbrettchen mit zwei kurzen Metallstäben an der Unterkante, die in entsprechende, paarweise Bohrlöcher auf der Sitzfläche eingesteckt wurden – denn es gab in jeweils einigen Zentimetern Abstand auf der Sitzfläche noch zwei Paar weitere Bohrlöcher, so daß man die kleine Lehne bei Bedarf weiter nach hinten stecken konnte. So konnte das Dreirad eine Zeitlang gewissermaßen mit mir mitwachsen (auf dem Bild befindet sich die Lehne noch in den beiden vordersten Sitzbankbohrungen; sonst wäre ich wohl kaum mehr an die Pedale gekommen).
Es war sowieso recht solide und stabil gebaut und die Intention der Herstellung auf Langlebigkeit ist ihm wohl sogar auf dem alten Photo deutlich anzusehen – deutlich auch im Gegensatz zu all dem auf baldigste „Obsoleszenz“ produzierten Wegwerfschrott späterer Jahre. Wenn ich mich recht erinnere, hat auch mein um vier Jahre jüngerer Bruder Bernhard dieses Dreirad noch als erstes Vehikel seines Lebens gefahren.
Nachtrag: ich hatte vergessen, daß es genau hierzu einige „Beweisphotos“ gibt. Hier ist eines davon:

Mein Bruder Bernhard auf meinem "alten" Dreirad, ich auf meinem neuen Go-Kart (Kett-Car), ca. 1963.

Hier war ich glücklicher Besitzer eines „Kett-Car“. Den bekam ich zu meinem, ich glaube sechsten Geburtstag (also demnach 1963). Das Gefährt hat mir viel Spaß gemacht, aber hatte einige Nachteile, insbesondere im Vergleich mit einem Fahrrad: er war langsamer, der Bewegungsradius war daher relativ klein, er war bergauf schwer zu fahren, bei Bergabfahrt erwies sich die Bremse als ziemlich schlecht – insbesondere wurde der „Kett-Car“ mir nach ein, zwei Jahren schon zu klein, konnte also nur wenig mitwachsen. Mein Brüderchen Bernhard übernahm ihn schon bald – ebenso, wie vorher das Dreirad. Das altbekannte Schicksal kleinerer Geschwister … Leider war mir mein Fahrrad, das ich mit vier Jahren bekommen hatte, inzwischen auch schon allmählich zu klein geworden.

Aber ich greife der Geschichte vor – wegen des Photos ließ sich das nicht vermeiden – möchte aber noch einmal auf das Dreirad zurückkommen..
Der Rohrlenker am Dreirad war ziemlich dünn und hatte keine Handgriffe. Keine mehr, wahrscheinlich, Der Lenker war also nichts anderes als ein schlichtes, gebogenes, silberfarbenes Stück Rohr, auf dessen jeweilige Enden zufällig die Bauchbinden von „Frigeo“-Brausewürfeln genau draufpaßten – links wie rechts, natürlich.
Orange! Meine Lieblingssorte – sowieso und ganz bestimmt bei Brausewürfeln des Jahres 1960. Na, es ist doch lange her; ich müßte sie mal wieder durchprobieren. Ob es die Würfelform noch gibt? Ich weiß es nicht; kaufe Brausepulver ja doch mittlerweile mehr als selten. Die letzten paar Male habe ich „Frigeo“-Brause nur in Tütchen gesehen – aber was heißt „nur“: immerhin scheint es sie noch zu geben. Sie schmeckte ja auch zu gut! Ob sich mein Geschmack inzwischen geändert hat? Oder der von „Frigeo“-Brause? Ich mochte sie (wiederum die Würfel) besonders gern, weil sie außer in das obligatorische Einwickelpapierchen noch außenherum in eine Art Bauchbinde eingepackt waren. So ähnlich wie eine Zigarre, vielleicht. Der Würfel hatte ungefähr dieselbe Größe wie ein Stück Würfelzucker und die Binde war je nach Geschmack in der entsprechenden Farbe bedruckt. Oder nennt man so etwas eine Banderole? Orange, Zitrone, Himbeer … Man konnte den Würfel aus der Banderole hinausschieben und dann paßte sie, wie gesagt, genau auf den Rohrlenker meines Dreirades. So konnte ich den Lenker mit der Zeit von beiden Enden her mit Brausewürfelbanderolen in allen Farben verzieren – bis halt kein Platz mehr drauf war. Heute habe ich Tachos, Drehzahlmesser, Uhren, Navigationsgeräte, Pulsmesser und was weiß ich noch alles an den Lenkern – im Grunde überhaupt nicht unähnlich. Bis zu einem ausgewachsenen Motorrad war es noch weit, aber ich vermute, hier lagen die Wurzeln.
Wie der Name sagt, gehört das Dreirad strenggenommen nicht zur Kategorie „Zweiräder”, aber subjektiv und schlicht emotional betrachtet für mich eben doch. Es hat mir jedenfalls eine erste Ahnung von diesem spezifischen Autonomie- und Freiheitsgefühl gegeben, das ich seither noch mit jedem Zweirad hatte, das ich fahren konnte.
In meiner Erinnerung gibt es das tatsächlich, obwohl ich erst drei Jährchen alt war.
Freilich ist dieselbe Empfindung etwas klarer und ausgeprägter mit dem darauffolgenden Gefährt verbunden – nämlich meinem ersten Fahrrad.
Mit dem Auto war das anders. Nicht so ganz anders zwar, denn eine Art Freiheit, Ungebundenheit, Unabhängigkeit kann man ja durchaus auch mit einem Auto erleben. Aber eins ist mir klar: ein Zweirad ist eher so etwas wie ein Pferd – und ein Auto eben eine Kutsche.
Nun, das Auto kam halt vor allem erst später – sogar ziemlich VIEL später – in meine Fahrzeughistorie. Das Dreirad war da, zur rechten Zeit.


Das nächste Kapitel heißt „Fahrräder und andere Gefährte(-n)“ und ist ⇒HIER zu finden.