#1 – Urongsch?

Ich bin in Goslar am Harz aufgewachsen.
Goslar ist eine mittelgroße Stadt von etwa 50.000 Einwohnern mit einer schönen, sehr historischen Altstadt, die weithin bekannt ist für ihre vielen Kirchen und mittelalterlichen, gut restaurierten Fachwerkhäuser.

Manche Leute sprechen die lokale Mundart, also ein authentisches süd-niedersächsisches „Platt“, das man selbstverständlich „goslärsch“ nennt. Also nicht etwa „goslarerisch“ oder so ähnlich. Es muß in der Zeit, in der ich das noch halbwegs beurteilen konnte – ich bin 1976 aus Goslar weggezogen – wohl schon noch einige Sprecher dieser Mundart gegeben haben. Dialekte sind in unserer Zeit zwar allerorten im Rückgang begriffen, aber damals hat man zumindest hier und da mal jemanden goslärsch reden hören und ich hoffe, daß die Mundart immer noch gepflegt wird.

In meinem unmittelbaren sozialen Umfeld hatte ich allerdings leider keine im Wortsinn entsprechenden Kontakte und so haben wir den Klang und einige Brocken nur am Rande mitbekommen. Auch meine Eltern und Großeltern haben „Hochdeutsch“ gesprochen – jedenfalls was man dafür gehalten hat.
Als Jugendliche haben wir immer mal lebhaft diskutiert, daß es in unserem Hochdeutsch wohl doch allerhand Färbungen aus der regionalen Mundart gibt, die wir nicht bewußt wahrnehmen. Offenbar denkt alle Welt, daß wir hier so ungefähr von Göttingen bis Hannover das reinste, unverfälschte Hochdeutsch sprechen, aber es ist in Wahrheit wohl eher so eine Art „schlampiges Pseudo-Hochdeutsch“, das natürlich auf dem jeweiligen, unter einer mitunter nur hauchdünnen hochdeutschen Schicht befindlichen lokalen „Platt“ beruht.

Nur ein einziges Mitglied meiner ganzen Familie sprach die Mundart seiner Region – mein Großvater mütterlicherseits. Er hieß Otto Wedler, stammte aus dem kleinen Ort ⇒Benneckenstein im Oberharz und war ein zutiefst heimatverbunderner Mensch. Im „Benneckensteinschen Platt” – das sprachwissenschaftlich (wie auch „goslärsch“) dem sog. ⇒ostfälischen Sprachraum zugehört – war er Heimat-Dichter und Schriftsteller. Er bemühte sich auch um die Entwicklung einer Schreibweise, die den Dialekt möglichst authentisch wiedergeben kann, gleichwohl mit angemerkten Übersetzungen sehr spezifischer Worte (wie etwa „Stooflinsken – hochdeutsch: Staubflocken“). Er hat eine umfangreiche Sammlung sehr schöner „Jeschichten uht Benneckenschteine“ geschrieben, sogar kleine Theaterstücke, die noch lange nach seinem Tode (1972) vom dortigen Heimatverein aufgeführt wurden. Aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

Wir fanden es als Jugendliche lustig, als es uns irgendwann einmal auffiel, daß wir das Wort „orange“ eher so aussprechen, daß es ziemlich genau wie „urongsch“ klingt. Das gilt aber nur für das Eigenschaftswort, also die Farbe. Als Gegenstand, also wenn die Frucht gemeint war, veränderte sich die Aussprache seltsamerweise näher zum französischen Original. Das kam allerdings wiederum höchst selten vor, denn wir nannten die Frucht überhaupt nicht „Orange“, sondern „Apfelsine“ – vorwiegend wie „Appelsíene“ ausgesprochen.

Als ein schönes Beispiel ist mir ein Satz in Erinnerung, den ich in einem Laden – noch zu DM-Zeiten – von einer Kassiererin aufgeschnappt habe: „ek hawe kaane Fennije meaa.“ Klar, die Dame hatte zumindest einen ordentlichen Anteil Goslärsch in ihrer Ausdrucksweise, aber so wesentlich anders klangen wir mitunter „nu ooch wieda nich“. Ein allerdings bedeutender Unterschied bestand darin, daß kaum einer von uns mehr als höchstens mal ansatzweise dieses spezifische, leicht gedehnte „a“ aus einem „ei“ [aɪ̯] geformt hat, wie es etwa in „kaane Zaat (jetze)“ vorkommt oder in „verraasen“ (verreisen) – klar, es gäbe dafür noch  „raaaënwaase“ andere Beispiele (sprich: „Baaschbiele“).
Davon haben wir natürlich, wie wir gern absichtlich und in wahrscheinlich etwas forcierter goslärscher Diktion sagten, „schwaanemeeßich“ viele gefunden und uns obendrein noch reichlich ausgedacht. Besonders abgesehen hatten wir es auf entsprechend einschlägige Worte, die wohl vordem noch selten in goslärsch ausgesprochen worden sein dürften wie „Blattschneiderameise“ (die „Blattschnadderamaase“ war eine Zeitlang der Hit und „running Gag“) oder auch mehr oder weniger frei erfundene wie „Seifenreibeisen“ – gern überlasse ich Euch die Übertragung. Sehr amüsant fanden wir auch phonetische Ähnlichkeiten wie in „(ek mache) kaane Raasen mea“ bzw. „(ek hawe) kaan´n Raasenmäa“.

Ja, und eben „URONGSCH“ – ich fand es so enorm lustig, daß ich eines Tages aus dem Fundus von Stopfgarnen meiner Mutter (oder vielleicht dem einer Freundin) ein Stück  „urongschenen“ Faden und eine Nadel stibitzt und das Wort in Großbuchstaben auf ein Hosenbein meiner Jeans gestickt habe. Selbstverständlich in dezenter Größe, ohne Übertreibung. In der handwerklichen Ausführung ein wenig ungeübt und daher ziemlich eckig war das Wort nun immerhin konkret in der Welt und hatte seinen eigenen, leicht absurd-humorigen Dekorationswert. Für mich jedenfalls.

Man wird mittlerweile als abstrakten Zusammenhang bemerkt haben, daß auch das Mofa im Titelbild sozusagen „urongsch“ ist, aber was es damit auf sich hat, wird erst im nächsten Beitrag erläutert.